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Eine entfernte Verwandte der Viola d'amore und ein merkwürdiges Instrument: Die Viola da gamba d’amore

Im Jahr 2010 konnte ich ein Instrument erwerben, das zwar unverkennbar der Gambenfamilie zuzurechnen war, aber einige Merkwürdigkeiten aufwies, die erst einmal Nachforschungen notwendig machten, um es zuzuordnen.

Wegen eines massiven Bruchschadens auf der Rückseite war es nicht spielbar und in der Qualität schwer einschätzbar, die Vergabe eines Reparaturauftrags quasi ein Blindflug …

Auf der Rückseite ist die Gambe per Gravur gekennzeichnet: Ant. Cassini 1694.

Wenig überraschend ergab eine Untersuchung des Instruments durch Klaus Martius, Fachmann für historische Streichinstrumente am Germanischen Museum in Nürnberg, keinerlei Anhaltspunkte für die Richtigkeit des Namens, der Entstehungszeit oder auch nur des Entstehungsorts (Antonio Cassini war Geigenbauer in Modena). Stattdessen weist einiges an baulichen Merkmalen in eine Zeit im frühen 19. Jahrhundert, vielleicht im 2. oder 3. Jahrzehnt.

Zu den Merkwürdigkeiten (im Sinne von bemerkenswert, nicht von ungereimt) dieses Instruments gehören die Bauform - Boden und Decke weisen nur eine sehr geringe Wölbung auf - und die Besaitung. Die Reste der 6 Spiel-Saiten ließen einen Bezug von reinem, unumsponnenem Darm bis hinunter zur Basssaite erkennen (obgleich die Saitenfertigung jener Zeit längst die metallumsponnene Darmsaite kannte), darunter befanden sich Resonanzsaiten aus Eisen und Messing. Sowohl die Darmsaiten als auch die Metallsaiten waren von einer zufällig anmutenden Dimensionierung, die keinerlei Rückschlüsse auf die intendierte Stimmung zuließ. Die Metallsaiten waren alle sechs gleich dick und so sicherlich nicht in der Lage, einen einigermaßen sinnvollen Stimmungsumfang des Instruments abzubilden.

Diese Metallsaiten sind am unteren Ende des Wirbelkastens an Stiften aufgehängt (wie beim Cembalo), laufen über einen kleinen Sattel innerhalb der Griffbrettaussparung zu einer verschiebbaren Auflage im Steg, und von dort weiter zu einem Sattel am Unterrand der Decke in der Nähe des Pflocks. Die verschiebbare Auflage ermöglicht die Justierung des angestrebten Teilungsverhältnisses von 2:1. Im Unterklotz sind 6 eiserne Wirbel (wie beim Cembalo) zum Stimmen dieser Saiten mit einem Schlüssel.

Die für Gambeninstrumente unerlässlichen Bünde fehlten und waren der „Spurenlage“ zufolge auch nie vorhanden. Dieses und auch das Fehlen typischer Abnutzungsspuren sowie die riskant flache Decke (selbst der „Gitarren-Abkömmling“ Arpeggione besitzt normalerweise die für Streichinstrumente statisch nötige Deckenwölbung) bringen mich zu der Vermutung, dass das Instrument von Anfang an nicht unbedingt zum Gespieltwerden gedacht war.

Der Gambenbauer Mathias Behrle in Freiburg hat das Instrument repariert und spielbar gemacht. Wir entschieden uns für die Beibehaltung des reinen Darmbezugs (was bei der Unterstellung einer „normalen“ Bassgambenstimmung für die tiefe D-Saite zur Sonderanfertigung führte), der Resonanzbezug ist aus Messing und Eisen, allerdings in Dimensionen, die eine Einklang- und Oktavparelle zu den Spielsaiten aus Darm ergeben. Der neue Steg orientiert sich am vorgefundenen Modell einschließlich der verschieblichen Knocheneinlage zur Feinjustierung der Saitenteilung. Der alte Steg war zwar inspirierend, aber unbrauchbar. Alles andere ist unverändertes Original-Material.

Wir nennen diesen Typus heute „Viola da gamba d’amore“ oder „Basse de viole d’amour“. Einige wenige Exemplare gibt es in Museen*, meist nicht spielbar. Das anfangs des 19. Jahrhunderts aufkeimende Interesse an „Alter Musik“ und an „Alten Instrumenten“ ließ wohl einen Sammlermarkt entstehen, der aus dem Fundus vorhandener Instrumente sehr bald nicht mehr zu bedienen war. Das rief ebenso bald eine Szene von Fälschern auf den Plan, die beliebige alte Musikinstrumente nachmachten und feilboten. Besonders erfolgreich war auf jeden Fall ein italienischer Name im Instrument und eine Entstehungszeit im Umfeld der großen Cremoneser. Alterungsspuren wurden künstlich erzeugt. Auch mein Instrument muss man wohl in diesem Umfeld verorten.

Eine zweite spielbare Viola da gamba d’amore in Deutschland - allerdings völlig anders gebaut und damit auch mit einem ganz anderen Klang, darüber hinaus gut 70 Jahre jünger - ist im Besitz von Alfred Lessing in Düsseldorf. Sein Instrument orientiert sich deutlich an der berühmten, Stradivari zugeschriebenen Cister von Girolamo di Virchi aus Brescia. Auch sie fällt in diese Kategorie der Fantasie-Instrumente des 19. Jahrhunderts, für die es keine konkreten historischen Vorbilder gab.

Man darf vielleicht annehmen, dass einerseits die begonnene Wiederbelebung der Viola d’amore, andererseits mögliche Kenntnisse über Gamben mit Resonanzsaiten aus Schriften von Prätorius (Syntagma musicum II, 1619, Kapitel „Viola bastarda“) oder Playford (Musick’s Recreation on the Viol, 1661) zu der „Nachempfindung“ vermeintlich historischer Instrumente geführt hat.

Der Klang meiner Gamba d’amore ist durch die Resonanzsaiten und durch die sehr dicken Darmsaiten recht außergewöhnlich. Sozusagen durch das größere Format wirkt sich die Resonanz der Metallsaiten sehr viel deutlicher aus als bei der Viola d’amore. Die dicken Darmsaiten mit ihrer etwas trägen Ansprache ergeben einen recht rauhen, quasi ungeschönten Ton, jedoch mit viel Persönlichkeit und Modulationsfähigkeit. Die Klangstruktur verleitet stark dazu, der Musik mehr nachzuhören/nachzuhorchen als man es vielleicht normalerweise täte, die schwierigere Ansprache verbietet virtuosen Aktionismus, man macht dadurch nahezu ständig auch strukturelle Neuentdeckungen in einer Musik, die man lange kennt.

Ein spezielles Repertoire für die Viola da gamba d’amore gibt es natürlich nicht. Ich bediene mich nicht nur im Gambenrepertoire (das nur teilweise für diesen Instrumententypus in Frage kommt), sondern auch in der frühen Violoncelloliteratur (von Gabrielli, Dall’Abaco, Vivaldi bis J.S. Bach), mit Gewinn sogar bei Flötenwerken (Bachs a-moll-Partita, oder „Syrinx“ von Debussy).

* Eva Küllmer listet in ihrem Buch "Mitschwingende Saiten" (Bonn 1986) 8 solcher Instrumente unter verschiedener Bezeichnung in verschiedenen Museen, zwei davon jedoch im Krieg verloren gegangen. Das Instrument von Alfred Lessing und auch das meine sind in dieser Arbeit nicht erfasst. Insofern ist es schwierig, einen genauen Überblick über einen "Gesamtbestand" zu bekommen, auf jeden Fall ist es eine rare Sache.
Der amerikanische Musikwissenschaftler Thomas MacCracken hat weltweit 20 Gambensinstrumente mit Resonanzsaiten aufgespürt, die nicht zur Gattung "Baryton" gehören und insofern im weitesten Sinne mit meinem Instrument vergleichbar wären. Viele davon sind sogar noch wesentlich jünger. Die spannende Frage nach dem Zweck und dem Einsatz dieser Gamben wird noch zu beantworten sein.

Es sieht auf jeden Fall sehr danach aus, dass mein Instrument das Einzige sein könnte, was noch gespielt wird ....

Gambadamore Gesicht Steg Schalloch
SaitenaufhКngung
Stimmwirbel